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Der Film Everyday Rebellion bringt das Thema gewaltfreier Aktionen demnächst in die deutschen Kinos. Er läuft ab dem 11.9. bundesweit in den (Programm-)Kinos an. Der Dokumentarfilm der Riahi Brothers wurde im Rahmen der Berlinale 2014 mit dem Cinema for Peace Award 2014 ausgezeichnet. Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=wUxd3zsRWhc.“
Der Film bietet unserer Ansicht nach die Chance, dass das Thema des gewaltfreien Widerstandes ein breiteres Publikum findet. Gleichzeitig wirft er viele Fragen auf, deren Antworten offen bleiben. Als Film für Schulvorführungen oder ähnlichem ist er aus unserer Sicht sehr gut zu verwenden. Insbesondere in Verbindung mit einer Diskussion mit Aktivisten aus der gewaltfreien Bewegung.
Wenn Sie nach passenden Aktivisten für die Diskussion danach suchen, können wir gerne auch ZFD- Fachkräfte anfragen. Wer dafür Unterstützung benötigt, kann sich gern an Fabian Hanschen (Öffentlichkeitsarbeit KonsortiumZFD, hanschen [aet] ziviler-friedensdienst [dot] org) wenden.
Anbei finden Sie eine ausführliche Rezension des Films:
Everyday Rebellion - die Revolution des 21. Jahrhunderts findet im Alltag statt
Von Isabella Bauer
Am 11. September kommt der Dokumentarfilm „Everyday Rebellion“ in die deutschen Kinos. Fünf Jahre reisten die Brüder Arash und Arman Riahi um die Welt und begleiteten soziale Bewegungen und einzelne Protestierende, Intellektuelle und von Zwangsmaßnahmen Betroffene, kurz Aktivistinnen und Aktivisten bei ihren Protesten. Eine ganz persönliche Geschichte der Brüder Riahi ist dieser Film auch, weil sie selbst einst vor dem repressiven Regime im Iran flohen und ganz früh ihre Begeisterung für den gewaltfreien Widerstand entdeckten. So beginnt der Film auch gleich mit seiner Hauptbotschaft „Gewaltfreier Protest ist erfolgreicher als Gewalt“ ist auf dem Bildschirm zu lesen. In verschwörerischem Ton flüstert eine Stimme aus dem Off den Beginn des Manifestes der Indignados, der „Empörten“, spanische Bürgerinnen und Bürger, die sich zur M15-Bewegung zusammenschlossen, um soziale, politische und wirtschaftliche Missstände im Land zu kritisieren:
„Wir sind normale Leute. Wir sind wie du: Menschen, die jeden Morgen aufstehen um zu studieren, zu arbeiten oder einen Job zu suchen. Menschen mit Familie und Freunden, die jeden Tag hart arbeiten. Menschen, die sich für eine bessere Zukunft einsetzen.“
In schnellen Wechseln gibt der Film derweil Einblicke in unterschiedlichste soziale Bewegungen quer über vier Kontinente. Lautlos pirscht sich die Kamera an Proteste heran, zeigt die Vielfalt der Aktivistinnen und Aktivisten mit ihren diversen politischen und sozialen Hintergründen und die Verschiedenheit politischer Realitäten, gegen die sie sich wenden. Dieses stille Hinweggleiten über die verschiedenen Szenen ist charakteristisch für den gesamten Film. Denn es ist ein Film, der viele Geschichten erzählt und viele Gesichter zeigt. Und bei all dem auch eine große Geschichte erzählen will, nämlich die der gewaltfreien Bewegungen in den Industriestaaten des 21. Jahrhunderts. Der Film setzt auf schnelle Kamerawechsel. Immer wieder werden Aufnahmen mit dem Smartphone eingeschoben. Alles wirkt spontan gefilmt und gibt das Gefühl, nah an den Geschehnissen dran zu sein. Verstörende Bilder von Gewalt stehen neben dem Spaß der gewaltfrei Protestierenden. An einigen Stellen kommen auch Aktivistinnen und Aktivisten zu Wort, die ihre persönliche Geschichte erzählen. Der Fokus bleibt dabei ganz auf den gewaltfrei Aktiven.
Menschenmikros, nackte Brüste und Tribunale
So werden beispielsweise verschiedene Proteste iranischer Aktivistinnen und Aktivisten innerhalb und außerhalb des Irans gezeigt. Unter anderem das Irantribunal in Den Haag: Da es keine offizielle Anklage vor dem Internationalen Strafgerichtshof gibt, veranstalten Mitglieder der iranischen Diaspora ein Verfahren, bei dem die Vergehen der Regierung im Kampf gegen säkulare und demokratische Kräfte in den 1980ern symbolisch aufgearbeitet werden. Überlebende und Angehörige werden als Zeugen gehört und schließlich die iranische Regierung der Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gesprochen.
Eine andere mehrfach im Film wiederkehrende Aktivistinnengruppe sind die 2008 in der Ukraine gegründeten Femen. Die Feministinnen werden bei ihren provokativen und medienwirksamen Aktionen begleitet. So zum Beispiel wie sie auf dem Majdan in Kiew nackt und mit Parolen bemalt gegen die Prostitution in der Ukraine protestieren. Hier wird auch beleuchtet, in welche Gefahr sich manche Aktivistinnen begeben und welche Konsequenzen sie tragen müssen. Die Aktivistin Inna Schewtschenko wird bei ihrer Flucht nach Europa begleitet, nachdem sie aufgrund ihrer Proteste Morddrohungen erhalten hatte.
Wieder eine völlig andere Wirklichkeit zeigt Occupy Wall Street. Die größte soziale Bewegung Nordamerikas eint ihre Wut auf eine kleine extrem reiche Elite und entfesselte Finanzmärkte sowie die Sorge um die eigene Zukunft. Der Film zeigt hier auf unterhaltsame Weise, wie gemeinsame gewaltfreie Aktionen geübt und Restriktionen in Markenzeichen umgewandelt werden. So bei der Technik des „Menschenmikros“, bei dem die Aktivistinnen und Aktivisten zusammen jede Aussage wiederholen, die eine Person macht, und so das verbotene Megaphon ersetzen.
Ghandi war ein genialer Stratege
Ganz ohne Einordnung und Kommentar reihen die Filmemacher diese und viele andere Protestszenen aneinander. Dieses ständige Herumspringen von Aktion zu Aktion dynamisiert den Film jedoch nicht nur, sondern lässt den Zuschauer auch allein mit einer Vielfalt unterschiedlichster Eindrücke. Zwar vermitteln die Sprünge den vagen Eindruck einer weltweit gleichzeitig stattfindenden Protestbewegung, doch bleibt die Geschichte der Zusammenhänge unerzählt. Eine theoretische Einbettung wird versucht, indem Forschungsergebnisse der Universität Denver vorgetragen werden. Doch Erica Chenoweths Aussagen zur Überlegenheit gewaltfreier Protestformen bleiben blass neben der Vielfalt bunter und kreativer Aktionen. Spannend sind dagegen die Thesen des serbischen Otpor-Aktivisten und Revolutionsexperten, Srdja Popovic. Dieser Provoziert mit Aussagen, wie „Gandhi war nicht erfolgreich, weil er Buddhist war. Gandhi war erfolgreich, weil er ein genialer Stratege war“, und regt zur Diskussion gerade unter den Friedensbewegten an.
Was heißt hier gewaltfrei?
So gut der Film die Vielfalt der Proteste und auch die Vielfalt innerhalb der einzelnen Bewegungen portraitiert, so unklar bleiben manche grundsätzlichen Fragen. Vor allem die, ob es eine gemeinsame Vorstellung von Gewaltfreiheit gibt. An keiner Stelle wird thematisiert, dass Teile der dargestellten Bewegungen Methoden anwenden, die als gewaltvoll eingestuft werden können. Denn die Frage ist: Wo beginnt Gewalt? Beginnt sie bei der Verletzung von Lebewesen oder bei der Zerstörung oder Beschädigung von Eigentum, wie bei einer Femen- Aktion das Umsägen eines Kreuzes oder im Iran das Sprühen von Graffitis mit politischen Botschaften an Häuserwände? Oder ist bereits die Besetzung eines öffentlichen Platzes Gewalt? So faszinierend der Film kreativen Widerstand darstellt, so wenig erörtert er die grundsätzliche Frage, ob Gewalt legitim ist. Alle interviewten Aktivsten und Aktistinnen setzen voraus, dass Gewalt grundsätzlich abzulehnen ist, kein geeignetes Mittel des Protestes darstellt und die Situation grundsätzlich stets nur verschlimmert. Auf subtile Weise unterstellt der Film, dass gewaltfreier Protest klüger, kreativer und moralisch besser ist. Sicherlich keine einfache Botschaft für Menschen, die ihr Leben im Kampf gegen Diktatur und Unterdrückung auf die eine oder andere Weise einsetzen. Der Mut und die Entschlossenheit der Aktivistinnen und Aktivisten und ihre klare Entscheidung zur Gewaltfreiheit mit allen persönlichen Folgen bleibt dabei jedoch beeindruckend. Der Film endet mit der Forderung nach einer neuen radikalen Protestform: der Revolution des Alltags!
Sehen und darüber reden!
Trotz einiger Schwächen: Der Film ist eine wundervolle Hommage an die Protestbewegungen der Gegenwart. Lebendig und rastlos erzählt er so viele Geschichten, wie in 110 Minuten Kinozeit nur passen. Er wirft eine Vielfalt spannender Fragen auf, die unterschiedlichste Antworten finden können. Ich empfehle, ihn in diskussionsfreudiger Gesellschaft zu schauen.
Everyday Rebellion ist nicht bloß ein Film, sondern wurde zu einer Plattform, auf der Videos hochgeladen, Bücher runtergeladen und Kommunikation stattfinden kann. Viele Dokumente zu weltweiten Bewegungen sind bereits eingestellt, gewaltfreie Methoden kategorisiert und Tipps zu eignen Aktionen hochgeladen. Zu finden unter: http://www.everydayrebellion.net/wall/
